Dienstag, 19. Juni 2018

Baku

Was wollt ihr da denn?“ und „wo ist das nochmal?“ Das waren die Antworten auf unsere Mitteilung, dass wir nach Aserbaidschan und Usbekistan reisen wollen. Ja, so hätten wir vielleicht auch reagiert, wenn nicht unsere ehemaligen Nachbarn, Deniz und Rita gewesen wären. Die beiden erzählten uns immer wenn wir uns trafen, von ihren interessanten Reisen. Deniz ist Organisator von medizinischen Kongressen und legt darüber hinaus Wert auf ein interessantes Rahmen- und Kulturprogramm. Die wissenschaftliche Bedeutung der medizinischen Zusammenarbeit der verschiedenen Völker in Europa und Asien liegt ihm seit vielen Jahren am Herzen und er versteht es, seine Gesprächspartner für diese Idee zu begeistern. Ja, so kam es, dass wir sofort zusagten, als er uns fragte, ob wir an einer solchen Reise interessiert seien.


Nach der aufwändigen Vorbereitung (Visa u.ä.) geht es dann am 25. April los. Mit dem Taxi nach Bremen, dann ein ungemütlicher Flug nach Istanbul. Ungemütlich, weil sich neben mir eine übergewichtige Frau breit macht, die zu allem Überfluss auch noch ihren Kaffee über mir ausschüttet. Ankunft in Istanbul, der Flughafen ist ein Tummelplatz interessanter Menschen. Ich könnte hier sitzen bleiben und dieses Treiben stundenlang beobachten.

Wir treffen unsere Mitreisenden aus Hannover, die auch an dem Kongress teilnehmen. Zusammen fliegen wir nach Baku. Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt 2 Stunden.



Die Flammentürme, nachts besonders toll
In Baku erwartet uns ein kleiner Bus und wir fahren durch die hell erleuchtete Stadt. Es ist ein toller Anblick, Millionen von Lichtern erhellen die Stadt. Das Energiesparen spielt hier keine Rolle, kein Wunder, die Erdöl- und Gasvorkommen machen es möglich und so ist fast jedes Haus effektvoll beleuchtet. Besonders eindrucksvoll ist die animierte Fassade der sogenannten Flammentürme. Drei Bürohäuser mit gläserner Fassade. Inzwischen ein Wahrzeichen der Stadt. Wie ein Riesenbildschirm, auf dem man verschiedene Animationen sehen kann.



Wir fahren in ein kleines Restaurant, in dem wir noch etwas zum Essen bekommen. Das Restaurant ist in einzelne kleine Räume aufgeteilt, so dass man unter sich bleiben kann. Dies ist uns während der Reise immer wieder aufgefallen. Wir nehmen hier allerdings mit den Vorspeisen vorlieb, denn so spät möchte keiner von uns mehr essen. Vor dort laufen wir in unser Hotel, das Monolith Plaza, das gleichzeitig das Kongresshotel ist. Gemäßigter Sowjet-Style, aber große und gut ausgestattete Zimmer. Wir schlafen gut und sind sehr gespannt auf den nächsten Tag.



Der 26. April ist der erste Tag des Kongresses und unsere Mitreisenden sind schon früh auf, führen Gespräche, bereiten ihre Beiträge bzw. die Workshops vor. Viele junge Menschen bevölkern das Hotel und wir drücken die Daumen, dass alles zur Zufriedenheit abläuft.

Stadt der Winde
Diejenigen, die nicht arbeiten müssen, machen sich nach dem Frühstück auf zu einer Stadtrundfahrt. Uns steht ein deutschsprachiger Reiseführer zur Verfügung, der sehr sympathisch ist. Die Temperatur ist mild und angenehm, lediglich weht ein frischer Wind. Also gerade richtig für eine Stadtbesichtigung. Zu Recht nennt man Baku auch die Stadt der Winde.



Promenade
In Aserbaidschan haben über die Jahrhunderte Perser und Türken, Russen und Europäer ihre Spuren hinterlassen. Diese verschiedenen Einflüsse prägen das Bild bis heute. Selbst die Bäume in den Parks wurzeln in Mutterboden aus der ganzen Welt: Weil die Halbinsel Abscheron, auf der Baku liegt, karges Land war, brachten Schiffe, die im Hafen von Baku ankamen, Erde aus ganz Europa mit. Wer das nicht tat, musste hohe Strafzölle bezahlen.



Mein Eindruck: eine schöne, moderne und großzügig angelegte Stadt mit vielen Grünzonen und weiten Strassen. Die Fassaden der sowjetischen Plattenbauten sind mit klassizistischem Stuck ausgestattet und – da gehen die Meinungen sicherlich auseinander – dadurch um einiges attraktiver als die Rock der Marilyn Monroe über dem Lüftungsschacht.

Dann sind da noch die Flammentürme, die auch am Tage sehr eindrucksvoll dastehen. 



Das Kaspische Meer mit seinem glitzernden Wasser lässt diese Stadt noch attraktiver erscheinen. An der ewig langen Promenade entlang des Wassers findet man die besten und teuersten Hotels. Leider können wir den geplanten Spaziergang auf der Promenade nicht machen, da Baku an diesem Wochenende der Austragungsort der Formel 1 ist und viele Straßen gesperrt sind.



Mitten in dieser hochmodernen Umgebung findet sich dann die historische Altstadt, von einer gigantischen Stadtmauer umrahmt. Sie steht seit dem Jahre 2000 auf der Weltkulturliste der UNESCO. Bis in das 19. Jahrhundert wurde die Mauer, deren älteste Elemente noch auf das 11. Jahrhundert zurückgehen, oftmals verstärkt und erweitert.

Karawanserei

Der Rest der Altstadt besticht durch enge, verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster sowie durch alte Häuser aus der Zeit vor der russischen Eroberung. Bedeutendste Baudenkmäler sind der Palast der Schirwanschahs mit dem Jungfrauenturm sowie die Mohammed-Moschee mit dem faszinierenden Synyk-Kalah-Minarett aus dem Jahre 1093. Die alte Koranschule, die Karawanserei, die Innenhöfe mit Orangen- und Zitronenbäumen bieten Ruhe mitten in der Großstadt.



In einer kleinen Bäckerei an der Straße probieren wir gerade die süßen Kuchen, als ein Mann uns anspricht und uns ein Bild vor die Nase hält. Es zeigt ihn Arm in Arm mit Berti Vogts, der lange Zeit Nationaltrainer in Aserbaidschan war, und er ist begeistert, dass wir so beeindruckt sind.



Wir fahren ins Hotel, ruhen uns ein wenig aus und pflegen die müden Füße. Am Abend werden wir abgeholt und kommen in ein Hotel mit einem überwältigendem Blick auf das Kaspische Meer und die Lichter der Stadt. Es findet ein Galadinner statt mit den Kongressteilnehmern. Alle sind guter Stimmung, das Essen ist gut und die Kellner werden nicht müde, immer mehr Platten mit Leckereien auf die Tische zu stellen.


Später im Hotel lädt Peter unsere Gruppe noch zu einem Absacker ein und verrät erst jetzt, dass er heute Geburtstag hat. Wir trinken auf sein Wohl und dann geht die nette Runde müde ins Bett, am nächsten Morgen wartet ja auf einige die Arbeit.



27. April.


Anar - immer um uns besorgt
Unser Reiseführer, übrigens sehr kompetent und liebenswürdig, begrüßt uns immer mit der Einleitung: „Lieber, verehrter Gäste.“ Wir sind natürlich entzückt über Anars Höflichkeit und folgen ihm in allem, was er vorschlägt.

Safran
Er fährt mit uns zu einem Markt, der alles bietet, was das Herz begehrt. Gemüse und Obst, besondere Gewürze, Safran, Stör und Kaviar. Verschiedene Schafskäse, im Schaffell gereift. 


Ungewöhnlich: das Fell ist innen, das Leder außen.

Steffi empfiehlt uns Sumach, ein rotes Gewürz, welches den Cholesterinspiegel senken soll. Gut, kann ja nicht schaden und so feilschen wir und kaufen einiges ein.

Eine Bettlerin wird von den Marktfrauen beschimpft. In Aserbaidschan wird nicht gebettelt, das ist Ehrensache.



Wir fahren weiter und holen nach einigem Hin und Her noch weitere drei Personen ab. Sie kommen aus der Schweiz und sind ebenfalls Kongressteilnehmer.



Auf dem Weg sehen wir uns noch einen Friedhof an
Wir fahren aus der Stadt hinaus, in den Wohngebieten mit den kleineren Häusern ist auffällig, dass um jedes Haus zunächst einmal eine Mauer gezogen wird, man bemüht sich wohl um familiäre Isolation. Weiter geht’s, links und rechts von uns riesige Ölfelder. Es riecht nach Öl und Gas. Wir kommen zum Feuertempel von Baku.

Dieser festungsartige fünfeckige Komplex wurde im 17. und 18. Jahrhundert erbaut. Das 1883 verlassene Bauwerk wurde 1975 in ein Museum umgewandelt. Das Bauwerk liegt auf einem Gasfeld, das einst natürliche Feuer hervorgebracht hat. 

Inschriften am Tempel weisen ihn als früheres Sikh- und Hindu-Heiligtum aus, das von bedeutenden hinduistischen Händlern, die in Baku gelebt haben, errichtet worden war. Der Tempel wurde von den Einheimischen dennoch immer wieder mit den Heiligtümern der Zoroastrier in Verbindung gebracht. Indes kann nicht genau bewiesen werden, ob diese Religionsgemeinschaft mit dem Tempelbau in Beziehung steht und ihn verwendet hat oder nicht.



Nach einem kleinen Mittagessen machen wir uns auf zu den brennenden Bergen. Bis zu drei Meter hohe Flammen steigen aus einem zehn Meter breiten Grat an dem Kalksteinhügel Yanardag.
Das Feuer läßt sich nicht löschen

Heute existieren nur eine Handvoll solcher natürlicher brennender Erdgasquellen in der Welt, die meisten davon in Aserbaidschan. Aufgrund des großen Erdgasvorkommens unter der Halbinsel Abscheron haben dort schon während des Altertums Feuer natürlichen Ursprungs gebrannt, worüber historische Schriftsteller wie Marco Polo berichtet haben.



Wir besichtigen das Haus der Familie Nobel. Die Nobels kamen ursprünglich, um Eisenholz für Gewehrschäfte nach Schweden zu exportieren, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde auf der Halbinsel Öl entdeckt, und die Stadt erlebte ihren ersten Boom.
Die reiche Familie Nobel baute sich in Baku einen eindrucksvollen Palast. Dieser zeigt noch immer mit Erkern und Türmchen, Ornamenten und Balkonen den Wohlstand seiner Erbauer.



Am Abend gehen wir in ein tolles Restaurant, schön gelegen und sehr modern und edel. Wir bekommen verschiedene Vorspeisen und ausgezeichnetes Fleisch. Hier erfahren wir auch, dass seit Neuestem keine Euros und Dollars mehr in den Restaurants genommen werden. Ein neues Gesetz verbietet es. Nach einigem Hin und Her wird der Einsatz einer Kreditkarte möglich gemacht. Ein Taxifahrer, der wahrscheinlich den Formel-1-Fahrern Konkurrenz machen will, bringt uns nach Hause und nimmt von Peter den doppelten Preis als den der Hinfahrt, den der türkisch-sprechende Deniz gezahlt hat. Ja, das mit dem Kapitalismus lernen überall die Taxifahrer zuerst.



Samstag, 28. April



Nach einer kurzen Nacht geht es am nächsten Morgen in das Naturschutzgebiet Qobustan. Rechts von uns viele Bohrtürme, an der linken Seite das Kaspische Meer. Hier werden im Uferbereich einige Hotelanlagen gebaut. Zur Straße hin wird der Strandbereich durch eine hohe Mauer begrenzt. Es besteht keine Möglichkeit, ans Wasser zu kommen. Anar versichert uns aber, dass es Strandabschnitte für die Bevölkerung gäbe.

Wir sind früh da und fast allein auf dem Gelände
Die schöne Vulkanlandschaft mit ihren prähistorischen Felsmalereien, die wir jetzt kennenlernen, liegt etwa 70 Kilometer südlich von Baku. Hier befinden sich auf einer Fläche von etwa 100 km² über 4.000 neolithische Felsgravuren, deren Alter auf 10.000 Jahre geschätzt wird. Dargestellt sind u.a. Jagdszenen und Tiere, rituelle Tänze und religiöse Zeremonien. Wir spazieren durch die schöne Anlage und haben das Glück, früh hier zu sein. So sind wir fast allein und können uns in aller Ruhe die Felsmalereien ansehen.



Schlammvulkane
Nach einer kleinen Pause mit einer Tasse Tee machen wir uns auf, die Schlammvulkane anzusehen. In abenteuerlicher Fahrt geht es mit dem Taxi (unser Busfahrer hat sicherlich Angst um sein Fahrzeug) zu diesen kegelförmigen kahlen Hügeln, die aussehen wie kleine Vulkane. Oben gibt es Krater, aus denen dickflüssiger Schlamm blubbert.  Diese Schlammvulkane haben aber mit richtigem Vulkanismus nichts zu tun, denn hier tritt keine Lava, sondern nur kühler Schlamm (und Erdgas) aus. Etwa ein Drittel aller Schlammvulkane der Erde befinden sich in Aserbaidschan. Der Schlamm findet auch zu medizinischen Zwecken Verwendung. Auf dem Rückweg werden wir wieder heftig durchgeschüttelt und nehmen dann erleichtert in unserem bequemen Bus Platz.




Zurück in Baku laufen wir ein Stück auf der Strandpromenade. Diese ist sehr eindrucksvoll und soll nun bald nochmals erweitert werden auf 30 Kilometer Länge. 


Größer, höher, weiter. Man hat den Eindruck, dass Baku sich an den Emiraten orientiert und Dubai Konkurrenz machen will. Wir gehen vorbei an der Halle, in der der Europäische Song Contest stattgefunden hat, dann allerdings kommen wir nicht weiter, die Strecke ist gesperrt. Das Formel-1-Rennen ist bei der Bevölkerung nicht so beliebt. Das Spektakel geht doch mit allerlei Einschränkungen einher. Wir hören das Kreischen der Motoren und machen uns auf in die Innenstadt.

Die schöne Altstadt von Baku

Von Anar verabschieden wir uns hier. Wir schlendern durch die belebten Straßen, bewundern die Geschäfte (alle großen Label sind hier vorhanden) und setzen uns dann zum Essen in ein Restaurant. Es herrscht eine schöne entspannte Stimmung in dieser Stadt. Später nehmen wir ein Taxi ins Hotel.



Am Abend sind wir nochmal eingeladen zu einem Abschiedsdinner. Hier treffen sich alle Teilnehmer an dem Kongress und alle Teilnehmer an den Workshops, um ihre Zertifikate in Empfang zu nehmen. Ein junger Arzt ist abgestellt, uns abzuholen und zu einem Restaurant zu bringen. Dies ist ein ehemaliger Basar, sehr großzügig und interessant eingerichtet. Es gibt schöne Vorspeisen, dann Suppe und ein Fleischgericht. Ein gutes Brot ist auch immer dabei. Auch Wein und Bier können wir haben.

Die Stimmung ist sehr gelöst. Die Studentinnen und Studenten, die jungen Ärztinnen und Ärzte sind schön gekleidet und freuen sich sichtlich über dieses Event. 
Gute Stimmung am Abschlussabend

Sie bekommen ihre Zertifikate und werden gefeiert. Wunderbar zu sehen: diese klugen jungen Frauen, entschieden in der Überzahl, liebenswürdig und sympathisch. Wir werden uns glücklich schätzen können, sie irgendwann in Deutschland begrüßen zu dürfen.

Es wird getanzt und die Stimmung ist wunderbar, ein wirklich schöner Abend. Zum Schluss kommt noch eine riesige Torte und ich weiß nicht warum, aber ich soll sie anschneiden. Süßer Kuchen und schwarzer Tee – so geht der Abend zu Ende.
Tolle junge Menschen, sehr beeindruckend

Nicht ganz, denn im Hotel nehmen wir noch einen Absacker, bevor wir schlafen gehen. Wir verabschieden uns von Michael und Verena, von Steffi und Michael. Die vier fliegen am nächsten Tag nach Hause und die Reise geht hier für sie zu Ende. Wir sind dankbar, dass wir diese netten Menschen kennenlernen durften und erleben konnten, mit welch hohem Einsatz sie hier wunderbare Arbeit leisten.



29. April, Sonntag.

Unsere Gruppe hat sich reduziert auf sechs Personen. Deniz natürlich, Rita, seine Frau, Susanne und Wolfgang aus Hamburg und Peter und ich. Wir sechs haben jetzt noch einen Tag in Baku und reisen dann weiter nach Usbekistan.



Aber nun fahren wir zunächst mal mit dem Taxi an die Promenade, machen einen langen Spaziergang und schlagen uns dann – trotz Formel-1-Hindernissen – zur Altstadt durch. Wir sehen uns alles nochmal in Ruhe an und machen dann eine Pause in der Karawanserei. 
 
Altes und Neues

Deniz und Rita fahren ins Hotel und wir anderen bummeln wieder in die Innenstadt, sehen das Autorennen auf großen Fernsehmonitoren in jedem Restaurant. Bald ist es schon Zeit, uns aufzumachen in das Fischrestaurant, in dem wir einen Tisch bestellt haben. Wir treffen uns dort mit Rita und Deniz.

Nach dem Essen geht es durch das nächtliche Baku. Das Lichtermeer ist wirklich einmalig und wir stehen unten an den Flammentürmen und sehen begeistert dem Spektakel zu.

Der obligatorische Absacker im Hotel, dann geht auch dieser Tag zu Ende und wir sehen den neuen Eindrücken, die uns erwarten, entgegen.

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